Page 17 - Ärzteblatt Sachsen, Juni 2026
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GESUNDHEITSPOLITIK




        Gewichtsdiskriminierung  selbst  stellt  Medizin: Männern werden häufiger An­ studierende etabliert, das intersektio­
        ein  eigenständiges  Gesundheitsrisiko  algetika, Frauen häufiger psychosoma­ nale Perspektiven [14] im Peer­to­Peer­
        dar: Sie erhöht psychische Belastungen,  tische oder psychotherapeutische Be­ Format vermittelt [41] . Gerechte Ge­
        erschwert Arzt­Patient­Beziehungen  handlungen empfohlen und dies unab­ sundheitsversorgung beginnt mit ei­
        und kann gesundheitsförderndes Ver­ hängig von objektiven Befunden [35] .  nem einfachen Schritt: hinsehen statt
        halten behindern [31 – 33] . Eine res­                                  wegsehen .
        pektvolle Kommunikation ist daher  Antidiskriminierung als              Patientinnen befinden sich in der gynä­
        nicht nur ethisch geboten, sondern the­ professionelle Kompetenz        kologischen Versorgung häufig in einer
        rapeutisch relevant .               Diskriminierung in der gynäkologischen  vulnerablen Situation . Marginalisierte
                                            Versorgung ist selten das Ergebnis be­ Gruppen erleben strukturelle und inter­
        Wer gehört zur Gynäkologie?         wusster Absicht [1] . Sie entsteht viel­ personelle Diskriminierung weiterhin
        Bereits der Begriff „Gynäkologie“, die  mehr aus Routinen, Zeitdruck, implizi­ regelmäßig . Die Folgen reichen von
        „Lehre der Frau“, macht deutlich, dass  ten Annahmen und strukturellen Rah­ Vertrauensverlust bis hin zu erhöhten
        fachliche Zuständigkeit historisch an  menbedingungen . Die entscheidende  Morbiditäts­ und Mortalitätsrisiken .
        Geschlechtervorstellungen gebunden  Frage lautet daher nicht, ob Diskrimi­
        ist . In der klinischen Realität lässt sich  nierung existiert, sondern wie wir pro­
        jedoch nicht immer eindeutig bestim­ fessionell damit umgehen .          „Gerechte Gesundheits-
        men, wer als „Frau“ gilt .                                                  versorgung beginnt
                                            Ärztliche Verantwortung bedeutet, ei­  mit einem einfachen
                                            gene Vorannahmen zu reflektieren,
            „Die entscheidende              strukturelle Barrieren zu erkennen, Pa­  Schritt: hinsehen
         Frage lautet daher nicht,          tientenperspektiven ernst zu nehmen      statt wegsehen.“
             ob Diskriminierung             und Versorgung aktiv inklusiver zu ge­

           existiert, sondern wie           stalten . Mehr noch: „Als machtvoller
                                            gesellschaftlicher Akteur ist die Medi­ Dabei ist Diskriminierung kein Rand­
              wir professionell             zin in der Lage, auf solche Prozesse in  phänomen, sondern Teil des medizini­
              damit umgehen.“               negativer, wie positiver Hinsicht nach­ schen Alltags . Gerade deshalb erfordert
                                            haltig Einfluss zu nehmen, etwa darauf,  sie professionelle Aufmerksamkeit .
                                            wer in einer Gesellschaft als normal
        Queere Menschen, insbesondere trans­  und wer als in unerwünschter Weise  Eine diskriminierungssensible Medizin
        und intergeschlechtliche Patientinnen  anders gilt .“ [1]               bedeutet nicht zusätzliche Bürokratie,
        und Patienten, berichten neben Diskri­                                  sondern bessere Versorgung durch re­
        minierung häufig von Unsicherheit oder  Die medizinische Ausbildung wird die­ flektierte Kommunikation, gezielte Aus­
        Überforderung seitens des medizini­ sem  Anspruch  bislang  nur  unzurei­ und Weiterbildung, strukturelle Quali­
        schen Personals . Die entsprechende  chend gerecht [36, 37] . Verpflichtende  tätssicherung, sowie durch niedrig­
        S3­Leitlinie empfiehlt daher ausdrück­ Aus­  und  Weiterbildungsformate  zur  schwellige Beratungs­ und Meldesys­
                                         B
        lich  ein  Verständnis  von  Geschlecht,   diskriminierungssensiblen Versorgung  teme für Betroffene [42] . ■
        das über eine strikt binäre Einteilung  könnten einen wichtigen ersten Schritt
        hinausgeht [34] .                   darstellen [38] .
                                                                                                       Literatur unter
        Auch über die Gynäkologie hinaus zeigt                                          www .slaek .de/aerzteblatt­sachsen
        sich ein messbarer Gender Bias in der  Programme  wie  „Empowerment  für
                                              Diversität – Allianz für Chancengerech­         Korrespondierende Autorin
        B   Während die deutsche Sprache keine   tigkeit in der Gesundheitsversorgung“   Prof . Dr . med . habil . Bahriye Aktaş
                                                                                             Universitätsklinikum Leipzig
          Differenzierung der verschiedenen   [39] zeigen, dass strukturelle Verände­  Klinik und Poliklinik für Frauenheilkunde
                                                                                      Liebigstraße 20a, Haus 6, 04103 Leipzig
          Dimensionen von Geschlecht ermöglicht,   rungen möglich sind . An der Universi­  E­Mail: bahriye .aktas@uniklinik­leipzig .de
          bezieht sich das englische Gender auf   tätsfrauenklinik Leipzig wurden im
          die soziale (Selbst­)Zuschreibung und   Rahmen  dieses  von  der  Stiftung  Mer­
          Sex auf biologische Eigenschaften wie   cator geförderten Projekts unter ande­
          Gene, Hormone, Geschlechtsorgane und   rem Mitarbeitendenschulungen [40]
          Gameten [45] .                    sowie ein Pflichtwahlfach für Medizin­



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