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GESUNDHEITSPOLITIK
Antidiskriminierung in der
Gynäkologie und Geburtshilfe
Wir sind nicht alle gleich
R . SchulteFrohlinde, M . Dhanjal, B . Aktaş Ausgrenzung ist kein oder Ethnie beschreiben komplexe so
neues Phänomen ziale und strukturelle Lebensrealitäten,
Rassistische und kolonial geprägte nicht nur klar abgrenzbare genetische
Gerechte Versorgung Vorstellungen wirken bis heute fort . Gruppen [22] . Während gesundheitliche
A
als ärztlicher Auftrag Ein Beispiel ist der inzwischen wider Folgen von Rassismus messbar sind,
Eine gerechte Gesundheitsversorgung legte, jedoch weiterhin verwendete Be konnte eine Einteilung der Menschheit
gehört zum Kern ärztlicher Ethik [1, 2] . griff „Morbus mediterraneus“ [8] . Sol in biologische „Rassen“ wissenschaft
Sie ist nicht nur Ausdruck humanisti che Zuschreibungen beeinflussen klini lich nie belegt werden [23] .
scher Haltung, sondern auch medizi sche Entscheidungen: Das subjektive Für die klinische Praxis bedeutet dies,
nisch notwendig: Diskriminierung und Schmerzempfinden bestimmter Pati dass Studienergebnisse kritisch einge
soziale Ausgrenzung wirken sich mess entinnengruppen wird häufiger infrage ordnet werden müssen, um strukturel
bar negativ auf Gesundheit, Morbidität gestellt, was zu Fehldiagnosen [9], ver le Ungleichheit sichtbar zu machen oh
und Mortalität aus . zögerter Therapie [10] oder geringerer ne überholte biologische Konzepte zu
Analgesie unter der Geburt [11 – 13] reproduzieren [24 – 26] .
Bereits soziale Faktoren wie geringes führen kann .
Einkommen, niedriges Bildungsniveau Gewicht, Körpernormen und
oder eingeschränkter Zugang zum Ge medizinische Versorgung
sundheitssystem führen zu schlechte „Diskriminierung Auch hohes Körpergewicht korreliert
ren gesundheitlichen Outcomes [3, 4] . entsteht häufig unbe- mit zahlreichen gynäkologischen Er
wusst – für Betroffene krankungen, darunter Endometrium
Auch Menschen mit Behinderungen karzinom [27], polyzystisches Ovarial
sind weiterhin strukturell von gynäko ist sie dennoch real.“ syndrom [28], Gestationsdiabetes [28]
logischer Versorgung ausgeschlossen, und Präeklampsie [29] . Körpergewicht
etwa durch mangelnde Barrierefrei heit ist jedoch kein Ausdruck individuellen
[5] oder fehlende angepasste Bera Diskriminierung entsteht häufig unbe Versagens, sondern Ergebnis komple
tungsangebote . Gleichzeitig sind sie wusst – für Betroffene ist sie dennoch xer biologischer, psychologischer und
überdurchschnittlich häufig von sexua real . In einer großen bundesweiten Er sozialer Zusammenhänge [30] .
lisierter Gewalt [6] betroffen und be hebung berichteten rassistisch mar
richten Diskriminierung in der Verhü kierte Frauen deutlich häufiger von Dis
tungsberatung [7] . Vor diesem Hinter kriminierungserfahrungen im Gesund A Schon seit der Antike wird Menschen
grund gewinnt auch die historische heitswesen . Sie wechselten häufiger gruppen als den „vermeintlich ‚Anderen‘
Verantwortung der deutschen Medizin ihre behandelnden Ärztinnen oder Ärz der Verstand, ihre Kultur und Zivilisati
Bedeutung . Die Beteiligung von Gynä te oder vermieden medizinische Be onsfähigkeit abgesprochen“ [22], um
kologinnen und Gynäkologen an Euge handlung aus Sorge vor schlechterer deren Ausbeutung und Unterdrückung
nik und Zwangssterilisationen im Nati Versorgung [10] . zu legitimieren . Seit der Zeit der Auf klä
onalsozialismus zeigt, dass medizini rung kam der Wissenschaft eine zent
sches Handeln nie außerhalb gesell Bekannte Unterschiede bei Erkrankun rale Rolle in dieser „Konstruktion von
schaftlicher Machtstrukturen steht gen wie Myomen [15], Präeklampsie [16, ‚Andersheit‘ “ [22, 43] zu . Dazu gehörte
[46] . Diskriminierung entsteht nicht nur 17], peripartaler Kardiomyopathie [18– zum Beispiel die Pseudowissenschaft
durch individuelles Fehlverhalten, son 20] oder Frühgeburtlichkeit [21] dürfen der „Kraniometrie“, also der Schädelver
dern auch durch etablierte medizini dabei nicht vorschnell biologisch inter messung, mit dem Versuch der Kon
sche Denkweisen [1, 8] . pretiert werden . Kategorien wie race s truktion menschlicher „Rassen“ [44] .
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