Page 4 - Ärzteblatt Sachsen, Juni 2026
P. 4

MEINE MEINUNG




                                                              letzten Tag das Thema Machtmissbrauch und sexuelle Be­
                                                              lästigung im Gesundheitswesen besprochen . Der Ge­
                                                              sprächsbedarf darüber ist mit Sicherheit hoch und betrifft
                                                              alle Bereiche . Zu Beginn berichteten fünf Studentinnen der
                                                              Medizin, welche auch als Delegierte des Bundesverbandes
                                                              der  Medizinstudierenden anwesend waren, über  Grenzen
                                                              überschreitendes Verhalten, über Übergriffe sowie über se­
                                                              xuelle Belästigungen während dieses Ärztetages (siehe Be­
                                                              richt Seite 11) . Die sich anschließende emotional intensive
                                                              Debatte hat gezeigt, dass Machtmissbrauch und sexualisier­
                                                              te Gewalt nicht nur im Gesundheitswesen sondern auch auf
                                                          © SLÄK/ FOTOGRAFISCH  solchen Tagungen vorkommen . Das ist inakzeptabel und mit

                                                              dem Selbstverständnis unseres Berufstandes unvereinbar .
                                                              Fassungslosigkeit und Empörung füllten eine Zeit lang den


                         Dr . med . Dirk Müller               Tagungsraum . Das tatsächliche Ausmaß der stattgefunde­
                                                              nen Grenzverletzungen ist vermutlich schwer nachweisbar,
                                                              doch selbst schon der Einzelfall stellt eine nicht zu tolerie­
                                                              rende Katastrophe dar .

        Moral unter Ärzten                                    Aus ethischer und moralischer Sicht darf menschenverach­
                                                              tendes, diskriminierendes oder entwürdigendes Verhalten
        Vom 12 . bis 15 . Mai 2026 fand in Hannover der 130 . Deutsche  im Miteinander bei Betrachtung von Geschlecht, Religion
        Ärztetag statt .  Die 250  Delegierten  aus allen  deutschen  oder  Herkunft  gegenüber  Patienten,  Angehörigen  und  ge­
        Bundesländern hatten dabei die Gelegenheit, sich über die  genüber unseren eigenen Kolleginnen und Kollegen keinen
        aktuellen gesundheitspolitischen Themen und über berufs­ Platz haben . Oberste Priorität sollten menschlicher Respekt
        politische Aspekte auszutauschen . Die Gesundheitsminis­ und fachliche Kompetenz sein . Nur auf dieser Basis werden
        terin konnte in ihrer Rede weder von substanziellen, noch  auch hierarchische Strukturen an Bedeutung verlieren kön­
        von tragbaren oder nachvollziehbaren Angeboten berichten .  nen . Das Fehlverhalten weniger einzelner hat dazu geführt,
        Ihr Redebeitrag lässt sich wie folgt zusammenfassen:   dass der 130 . Ärztetag in Hannover in seiner Außendarstel­
        „…  der  Gesetzgeber  möchte  mit  der  Berufspolitik  im  Kon ­ lung in ein schlechtes Licht rücken musste . War doch die
        takt bleiben…“ .                                      Veranstaltung auch bei teilweise diskrepanten Diskussionen
        Dagegen lieferte die Ärzteschaft zahlreiche, konkrete, sogar  in ihren Debatten und Beschlüssen zusammenfassend von
        bescheiden wirkende und dadurch realisierbare Forderungen  der Einigkeit unserer Profession geprägt, dass der Patient
        an den Gesetzgeber, als Beispiel sei ein jährlicher Bürokra­ während unserer Berufsausübung im Mittelpunkt steht und
        tieabbau von zehn Prozent genannt .                   dass wir  von der Gesundheitspolitik die entsprechenden
                                                              Rahmenbedingungen einfordern .
        Das Interesse unter der Ärzteschaft an der Veranstaltung
        war auf Grund der allgemein schlechten Stimmung sehr un­ Die Ärzteschaft hat durch die Vorfälle ein erhebliches Pfund
        terschiedlich . Jedoch spätestens nach Meldungen in ver­ an Glaubwürdigkeit, Respekt und Ernsthaftigkeit gegenüber
        schiedensten Tageszeitungen und im Internet mit der Über­ der Gesundheitspolitik verloren . Eine bittere Pille für unse­

        schrift „Medizinstudentinnen berichten von sexuellen Über­ ren Berufsstand . ■
        griffen auf dem Ärztetag“ blickten Leser mit anderen Augen                                 Dr . med . Dirk Müller
        auf die Veranstaltung in der Landeshauptstadt Niedersach­                                   Vorstandsmitglied
        sens . Als berufspolitischer Tagesordnungspunkt wurde am                            Delegierter Deutscher Ärztetag












      4                                                                                          Ärzteblatt Sachsen  6|2026
   1   2   3   4   5   6   7   8   9