Page 23 - Ärzteblatt Sachsen, Februar-Ausgabe 2024
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im Vergleich zu Kindern im Alter von Tab. 1: Diagnostische Kriterien kindliche Migräne versus Kopfschmerz vom Spannungstyp
0 bis 14 Jahren (0 bis 14 Jahre: 4,3 Pro- (nach ICHD-3 Kriterien [9])
zent; 15 bis 19 Jahre: 12,8 Prozent) [6]. Migräne Kopfschmerz vom Spannungstyp
Mind. 5 Attacken mit freiem Intervall Kopfschmerzdauer von 30 min – 7 Tage
Eine Erhebung an 2.706 Dresdner Schü-
lerinnen und Schülern wies für 36,6 Kopfschmerzdauer mind. 30 min – 72 h Bilaterale Lokalisation
Prozent einmal monatlich Kopfschmer- (bei Erwachsenen mind. 4 – 72 h)
zen und für 31,5 Prozent Kopfschmerz Unilateral oder Bilateral (75 Prozent) Drückender Charakter
an mindestens zwei Tagen pro Monat meist frontotemporal und nicht Schmerzstärke mild bis mittelschwer
nach [8]. Die Kopfschmerzprävalenz occipital (bei Erwachsenen unilateral)
nahm mit steigendem Alter zu. Mäd- Pulsierender Charakter Keine Verstärkung durch körperliche Aktivität
chen beklagten häufiger Kopfschmer- Gelegentlich Licht- oder Lärmempfindlichkeit
zen als Jungen. Schüler mit mindestens Wechselnde Intensität
zwei Kopfschmerztagen pro Monat Verstärkung durch körperliche Fehlen von Übelkeit oder Erbrechen
hatten zu 68 Prozent bisher keine Kopf- Aktivität
schmerzdiagnose erhalten. Ein deutli -
cher Zusammenhang zwischen Kopf- Nausea und/oder Erbrechen
schmerzfrequenz und Schulfehltagen Licht- und Lärmempfindlichkeit
war offensichtlich. Aus Studien ist eben-
so bekannt, dass Kinder mit episodi-
scher Migräne häufiger Schulfehltage formen im Kindesalter eingehen. malien bei der neurologischen Unter-
aufweisen als Kinder mit einem episo- Wenn an mehr als 15 Tagen pro Monat suchung auf Grunderkrankungen wie
dischen Kopfschmerz vom Spannungs- Kopfschmerzen auftreten, welche an Meningitis, Sinusthrombose, intrazere-
typ [5]. mindestens acht Tagen migränetypisch brale/subarachnoidale/epi- oder sub-
sind, liegt eine chronische Migräne vor durale Blutung, Hirntumor, Schlaganfall,
Mädchen ab der Adoleszenz zeigen [9]. Chronische Migräne tritt auch bei Pseudotumor cerebri oder weitere neu-
stärkere kopfschmerzbedingte Alltags- Jugendlichen und seltener bei Kindern rologische Erkrankungen hin. Zu den
einschränkung als Jungen [15]. Gründe auf, ist hier jedoch deutlich besser the- häufigeren sekundären Kopfschmerzen
dafür sind multifaktoriell, jedoch sind rapierbar als im Erwachsenenalter. Die bei Kindern zählen Kopfschmerzen bei
hormonelle Faktoren wesentlich betei- Prävalenz für die chronische Migräne akuter Otitis media, Rhinosinusitis
ligt [23, 24]. ist in der Altersgruppe der 16- bis sowie Zahnerkrankungen [10]. Nehmen
18-Jährigen am höchsten [16]. Auch der Kopfschmerzen bei häufigem Gebrauch
Diagnostik primärer Kopfschmerzen chronische Kopfschmerz vom Span- von Akutmedikamenten zu, ist diffe-
im Kindes- und Jugendalter nungstyp wird häufiger in der Alters- renzialdiagnostisch das Vorliegen eines
Migräne und Kopfschmerz vom Span- gruppe der über 14-Jährigen diagnosti- Analgetika-Übergebrauchskopfschmer-
nungstyp ziert. Bei den jüngeren Kindern steht zes zu bedenken [11].
Kopfschmerzen vom Spannungstyp die episodische Migräne eher im Vor-
und Migräne sind die häufigsten pri- dergrund. Im Unterschied zum Erwach- Nach der diagnostischen Einordnung
mären Kopfschmerzerkrankungen im senenalter liegt bei Kindern und Ju - der Kopfschmerzerkrankung stellt die
Kindes- und Jugendalter. Die Differen- gendlichen mit primären Kopfschmer- Edukation des Patienten den ersten
zierung dieser Kopfschmerzformen er - zen klinisch sehr häufig ein Mischbild wichtigen Baustein in der Therapie
fordert immer eine ausführliche Kopf- aus Migräne und Kopfschmerz vom dar. Dabei erfolgt eine altersgerechte
schmerzanamnese. Die Unterschiede Spannungstyp vor [18]. Aufklärung über biologische Ursachen
in der klinischen Präsentation zwi- und psychosoziale Mechanismen der
schen kindlicher Migräne und Kopf- Diagnostisch müssen immer mögliche Schmerzverstärkung anhand des bio-
schmerz vom Spannungstyp sind in Ursachen für sekundäre Kopfschmer- psycho-sozialen Models. Außerdem wer-
Tabelle 1 nachzulesen. In einem nach- zen ausgeschlossen werden. Da bei wei- den die Patienten zur besseren Selbst-
folgenden Artikel werden wir ausführ- sen „Red Flags“ wie Fieber, Trauma, wahrnehmung, zur Differenzierung von
lich auf die Besonderheiten in Diagnos- okzipitale Kopfschmerzen, plötzlich Migräne und Kopfschmerz vom Span-
tik und Therapie primärer Kopfschmerz- auftretende Kopfschmerzen oder Ano- nungstyp sowie zum Erkennen der
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