Page 4 - Ärzteblatt Sachsen, Dezember-Ausgabe 2025
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MEINE MEINUNG
meinschaft? Wie adaptieren wir unser Gesundheitssystem
in dem Spannungsfeld von Demografie / Morbidität / objek-
tiver und subjektiver Behandlungsbedarf versus medizini-
schem Fortschritt / individualisierter Medizin versus ökono-
mischen Grenzen? Wie positionieren wir uns gesellschaftlich
im Verhältnis Individuum zur Gesellschaft? Wann endlich
thematisieren wir offen, dass es auch Regeln, Koordinierung
und Steuerung geben muss, eben um allen eine adäquate
Versorgung auf hohem Niveau zukommen lassen zu kön-
nen? Wann verhandeln wir Leistung und Gegenleistung?
Wollen wir, und wenn ja, wie können wir die freie Arztwahl
© SLÄK/FOTOGRAFISCH regelbasierte Versorgung mit Verbindlichkeit und Grenzen
erhalten? Ich bin dafür . Aber wenn wir das wollen, muss der
derzeitigen relativen Beliebigkeit der Inanspruchnahme eine
Dr . med . Stefan Windau für alle Beteiligten entgegengesetzt werden!
Die Sozialkosten ufern aus . Beispielsweise die Kosten für
Kinder, die in den Schulen wegen Problemen in den Klassen
Paradigmenwechsel ? zusätzlich betreut werden müssen, belasten exorbitant die
Kommunen! Natürlich müssen diese Kinder betreut werden .
Aber wer fragt, warum dieser Betreuungsbedarf entsteht?
Kaum ein Tag, an dem nicht wenigstens ein Forum zur am- Was läuft falsch in unserer Gesellschaft? Warum nehmen
bulanten und stationären Versorgung unserer Patientinnen sprachliche Defizite, Entwicklungsverzögerungen, psychi-
und Patienten öffentlichkeitswirksam in Szene gesetzt wird . sche Erkrankungen, Vereinsamung etc . zu? Wir reden über
Politik, Berufsverbände, Körperschaften, Kostenträger etc . immer mehr Bedarf an unterstützenden Maßnahmen im
stellen für die Zukunft mehr oder weniger taugliche Lö- Umfeld von Familie und im sozialen Miteinander . Es kann
sungsansätze vor . Kommissionen werden beauftragt, Ge- doch aber nicht sein, dass wir uns mehr oder weniger um die
setze beschlossen und teils wieder revidiert . Therapie von Symptomen und um das Handling der Kosten
kümmern, aber die Fragen nach den tieferen Ursachen nicht
Wir reden über Finanzierungsgrundlagen, über Primärarzt- offen stellen und diskutieren – weil wir es uns nicht trauen!
system, Primärversorgung, digital vor ambulant vor statio- Denn Diskussionen würden unangenehm, und wir müssten
när oder digital und ambulant vor stationär, über Ambulan- manche liebgewonnenen, scheinbaren Gewissheiten hinter-
tisierung, Leistungsgruppen, Vergütungssysteme, Sektoren- fragen .
grenzen etc . Digitalisierung und KI gehören zu Recht auch
dazu . Allerdings habe ich den Eindruck, dass, so sinnvoll die Wir brauchen dringend einen Paradigmenwechsel in unserer
Dinge auch sind, etwas überspitzt formuliert, KI und Digita- Gesellschaft . Wenn wir uns nicht mit den Ursachen von Ent-
lisierung geradezu als Erlösung von Problemen gesehen wicklungen beschäftigen, dann werden wir nur punktuell
werden . Hier erlaube ich mir die Bemerkung, diese Dinge und symptomatisch reagieren können . Das führt in eine
sind wichtige Instrumentarien, aber die Grundprobleme lö- Sackgasse . Sozialschulden lassen sich nicht mit Sonderver-
sen sie nicht . mögen kompensieren . Dies sollte uns zu denken geben –
und zum Handeln bewegen . ■
Die Politik hat den Rahmen zu setzen . Ein großer Wurf wird
ihr wohl auch deshalb nicht gelingen, da der dazu notwendige Dr . med . Stefan Windau
gesellschaftliche Grundkonsens zu wichtigen Themen nicht Vorstandsmitglied
wirklich andiskutiert, geschweige denn ausgehandelt ist .
Stellen wir die richtigen Fragen? Wo bleiben – gesamtgesell-
schaftlich und auch im Gesundheitssystem – die Diskussio-
nen zu Eigenverantwortung, Gesundheitskompetenz, Leis-
tungsinanspruchnahme versus Verpflichtung der Solidarge-
4 Ärzteblatt Sachsen 12|2025

