Page 4 - Ärzteblatt Sachsen, Februar-Ausgabe 2024
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MEINE MEINUNG




                                                              transparenzgesetz  als  ein  Baustein  dieser  Reform  wurde
                                                              Ende November 2023 vom Bundesrat zurecht an den Ver-
                                                              mittlungsausschuss verwiesen.
                                                              Insofern bin ich nicht sehr optimistisch, dass ein tragfähi -
                                                              ger  Kompromiss  zwischen  Bund  und  Ländern  zeitnah  zu -
                                                              stande kommt, da sich das Zeitfenster für so weitreichende
                                                              politische Entscheidungen spätestens Mitte dieses Jahres
                                                              schließt, einerseits wegen der anstehenden Landtagswah-
                                                              len  und  andererseits  wegen  der  dann  bereits  nahenden
                                                              Bundestagswahl 2025.
                                                              Man hat den Eindruck, der Bundesgesundheitsminister, im
                                                              Vertrauen nur auf seine eigene Kompetenz, verzettelt sich in
                                                              einer Vielzahl angekündigter und dann doch zurückgestellter
                                                         © SLÄK/  FOTOGRAFISCH  Reformvorhaben.
                                                              Augenfällig  ist  dagegen  der  Versuch  einer  zunehmenden
                         Prof. Dr. med. habil. Uwe Köhler     staatlichen  Einflussnahme  auf  unser  Gesundheitssystem.
                                                              Beleg dafür sind eine Reihe neu gegründeter Organisations-
        Auf dem Weg zur Staatsmedizin?                        einheiten – zum Beispiel das Bundesinstitut für Prävention
                                                              und Aufklärung in der Medizin (BIPAM) als Nachfolger der
        Liebe Kolleginnen und Kollegen,                       Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA), eine
        die  Nachrichten  zur  internationalen  und  auch  nationalen  Bundesethikkommission, eine Nationale Digitalagentur und
        Lage verheißen wenig Gutes. Zu Beginn eines „Superwahl- die de facto Aufwertung des Instituts für Qualitätssicherung
        jahres“, zumindest in Bezug auf die Landtagswahlen in Thü- und  Transparenz  im  Gesundheitswesen  (IQTiG)  gegenüber
        ringen, Sachsen und Brandenburg, verfangen populistische  dem Gemeinsamen Bundesausschuss (GBA) in Bezug auf die
        Themen zunehmend und wir erleben nahezu tagtäglich die  Qualitätssicherung.
        Spaltung unserer Gesellschaft.                        Hinzu kommen Pläne, durch Apotheker Untersuchungen auf
                                                              Risiken für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Schlaganfall und
        Sie  fragen  sich  jetzt  vielleicht,  was  das  alles  mit  unserer  Diabetes mit Beratungen anzubieten.
        unmittelbaren ärztlichen Tätigkeit in Klinik und Praxis zu tun  Diese Aufzählung soll genügen, um die zunehmenden Mög-
        hat? Ich denke, eine ganze Menge. Als Berufsstand mit dem  lichkeiten eines staatlichen Dirigismus zu verdeutlichen.
        nach wie vor, zumindest nach allen mir bekannten Umfragen,
        höchsten  gesellschaftlichen  Ansehen  tragen  wir  eine  ge - Warum weise ich explizit auf die Gefahren einer schleichen-
        meinsame politische Verantwortung für den Erhalt und die  den  „Verstaatlichung“  des  Gesundheitssystems  hin?  Ich
        Fortentwicklung unserer demokratischen Grundwerte. Dies  selbst gehöre mittlerweile zur Minderheit derjenigen, die ihr
        sollten  wir  trotz  der  zahlreichen  Unzulänglichkeiten  und  Studium, die ärztliche Weiterbildung und den Facharzt 1988
        Beschwernisse durch die gegenwärtige Gesundheitspolitik  unter den Bedingungen eines ausschließlich zentralstaatlich
        nicht aus den Augen verlieren!                        gelenkten Systems absolviert haben und demzufolge einen
                                                              Vergleich  machen  können.  Ich  weiß  sehr  genau,  welche
        Beispielhaft genannt sei an dieser Stelle die dringend not- Unzulänglichkeiten  eine  staatlich  gelenkte  Versorgung  be -
        wendige  gesetzliche  Regelung  für  eine  moderne  und  be - inhaltet und welche Chancen sich der Ärzteschaft in der ehe-
        darfsgerechte Krankenhausversorgung mit einer neu ausge- maligen DDR nach der Wende in Bezug auf eine freie Berufs-
        richteten  und  nachhaltigen  Finanzierung  (Krankenhausge- ausübung  boten.  Im  Übrigen  genügt  ein  Blick  über  den
        setz).  Und  wir  brauchen  ebenso  dringend  eine  Vorschalt- Ärmelkanal nach Großbritannien, um die negativen Folgen
        finanzierung  für  die  Transformation  der  Krankenhausland- eines  staatlichen  Gesundheitssystems  zu  erkennen.  Inso-
        schaft,  um  eine  unkontrollierte  Strukturbereinigung  durch  fern  sollten  wir  die  ideologisch  motivierten  Aktivitäten  in
        weitere Insolvenzen zu verhindern.                    Berlin sehr aufmerksam beobachten, der Selbstverwaltung
        Das  vor  Jahresfrist  vom  Bundesgesundheitsminister  voll- den  Rücken  stärken  und  immer  wieder  auf  die  negativen
        mundig  als  „Revolution“  angekündigte  Reformvorhaben  Folgen direkter staatlicher Einflussnahmen verweisen.
        droht noch vor dessen Umsetzung zu scheitern mit fatalen                           Prof. Dr. med. habil. Uwe Köhler
        Folgen für viele Häuser. Das unausgegorene Krankenhaus-                                        Vizepräsident


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