Page 26 - Ärzteblatt Sachsen, Dezember-Ausgabe 2025
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Langzeitüberleben nach Krebs
Aktuelle Entwicklungen und neue Versorgungsangebote
A .-K . Thiemens , M . Balcerek , S . Heyne ,
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K . Egger-Heidrich , J . Gebauer 1 Cancer Survivorship bezeichnet den gesamten Prozess des Lebens
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mit, während und nach einer Krebsdiagnose . Als Cancer Survivor
(Krebsüberlebende) gelten alle Personen vom Zeitpunkt der Erst-
Hintergrund diagnose bis zum Lebensende, unabhängig vom Krankheitsstatus [2] .
Durch rasante Fortschritte in der Dia-
gnostik und Behandlung sowie durch Phasen des Survivorships [3]:
eine zunehmende Personalisierung der 1 . Akute Phase: Diagnose und Primärtherapie
Medizin können immer mehr Krebser- 2 . Erweiterte Phase: Nach Therapieende, geprägt von Rezidivangst
krankungen langfristig geheilt werden . und regelmäßigen Kontrollen
Aktuelle Schätzungen gehen von über 3 . Dauerhafte Phase: Langzeitüberleben, oft ab fünf Jahre nach
vier Millionen Krebsüberlebenden in Diagnose, mit Fokus auf Spätfolgen und Lebensqualität
Deutschland aus [1] .
Cancer Survivorship Care umfasst die multidimensionale Betreuung
Allerdings können sich Jahre bis Jahr- mit Schwerpunkten auf Spätfolgenerkennung, Gesundheitsförderung,
zehnte nach dem Ende der Krebsbe- psychosozialer Unterstützung und Koordination zwischen
handlung Folgeerkrankungen manifes- verschiedenen Behandlern [4] .
tieren . Diese Spätfolgen können beina-
he alle Organ(system)e betreffen und
zeichnen sich durch ein breites Spek- Werdegang und die Teilhabe am gesell- rechtzeitig erkennen und behandeln zu
trum aus: von klinisch inapparenten schaftlichen Leben nehmen [5] . können . Aus der Krebsnachsorge wird
Laborauffälligkeiten bis zu manifesten daher eine lebenslange Vorsorge, die
Funktionseinschränkungen und sekun- Abbildung 1 zeigt relevante Beispiele typischerweise fünf Jahre nach Thera-
dären Neoplasien . So sind beispielswei- für Spätfolgen einer Krebsbehandlung . pieende beginnt und den Schwerpunkt
se eine Kardiomyopathie oder Brust- Diese nehmen mit Abstand zum Thera- in der Versorgung von der krebsspezi-
krebserkrankung typische Folgen einer pieende in ihrer Häufigkeit zu und füh- fischen Nachsorge zu einer Spätfol -
anthrazyklinhaltigen Chemotherapie, ren zu einer im Vergleich zur Allgemein- gen-zentrierten Vorsorge verschiebt . Die
insbesondere in Kombination mit einer bevölkerung langfristig erhöhten Mor- aktuelle AWMF-S2k-Leitlinie 025-003
thorakalen Strahlentherapie . Auch bidität und gesteigerten Mortalität bei „Nachsorge von krebskranken Kindern
mentale Spätfolgen wie Fatigue, Kogni- Krebsüberlebenden [6] . und Jugendlichen – Vermeiden, Erken-
tionsstörungen oder Depressionen tre- nen und Behandeln von Spätfolgen”
ten bei Krebsüberlebenden häufiger als Nachsorge-Leitlinien fasst den derzeitigen Stand der Wis-
in der Allgemeinbevölkerung auf und Viele Erkenntnisse zu Spätfolgen beru- senschaft und Vorsorgeempfehlungen
können Einfluss auf den beruflichen hen auf Studien, die erwachsene Über- zusammen, die größtenteils auf evi-
lebende einer Krebserkrankung im Kin- denz- und konsensbasierten (S3 Äqui-
1 Klinik und Poliklinik für Onkologie, des- und Jugendalter untersucht und valent) internationalen Leitlinien basie-
Gastroenterologie, Hepatologie und als besonders vulnerable Population ren . Diese wurden vorrangig durch bei-
Pneumologie, Universitäres Krebszent- identifiziert haben . Durch diese Studien spielsweise die International Guideline
rum Leipzig (UCCL), AG Cancer Survivor- wurden wichtige Erkenntnisse darüber Harmonisation Group (IGHG) erarbeitet
ship, Universitätsklinikum Leipzig gewonnen, welche Organsysteme durch und regelmäßig aktualisiert . Diese
2 Medizinische Klinik und Poliklinik I, bestimmte Therapien besonders ge- Empfehlungen wurden bereits größ-
Bereich Hämatologie, Zelltherapie und fährdet sind . Hieraus wurden individu- tenteils auf die Gruppe junger Erwach-
medizinische Onkologie, Universitäts- elle Vorsorgeempfehlungen abgeleitet, senen, die im Alter zwischen 18 und 39
klinikum Carl Gustav Carus, Dresden um mögliche Spätfolgen vorbeugen, Jahren an Krebs erkrankten, übertra-
26 Ärzteblatt Sachsen 12|2025

